Vatican News – Radioakademie (3/JUN/2018): Strukturschwache Gebiete

Regie & Produktion: Patrick Pehl
Produktionsassistenz: Susanne Lichtenberger

Transkript

Brandenburg … endlose Weiten. Das Bundesland im Nord-Osten Deutschlands ist nicht gerade dafür bekannt, besonders vergnüglich zu sein. Und doch ist es immer wieder Anziehungspunkt für gestresste Großstädter. Mittlerweile gibt es sogar einen harten Kampf um Bauland in der Uckermark. Unlängst fragte die Berliner Zeitung „Wird die Uckermark die neue Szene-Hochburg?“. Diese Häuser dienen dann jedoch lediglich als Wochenendsitz um mal wieder unabgelenkt und konzentriert zu arbeiten oder dem Trubel der hippen Großstadt zu entfliehen.

Mit knapp 2, 5 Millionen Einwohnern hat das Flächenland gut eine Million weniger Einwohner als die Stadt, die es umgibt: Berlin. Im Schatten der aus allen Nähten platzenden Millionenstadt geht eine ganze Region ein. Es ist ein langsames, ein leises Vertrocknen öffentlicher Infrastruktur. Supermärkte und Krankenhäuser werden geschlossen, Landärzte werden händeringend gesucht, die Sparkassen ersetzen Filialen mit Geldautomaten, selbst die Bahn nimmt Strecken und Bahnhöfe außer Betrieb. Doch an einem Phänomen kann man in modernen Zeiten wohl am besten erkennen, dass ein Reisender in dünn besiedeltes Gebiet gelangt: Die Verbindung in die Welt, das Mobilfunksignal, es wird schwächer und schwächer – bis es endgültig abreißt. Je weiter sich ein Reisender von der Bundeshauptstadt entfernt desto menschenleerer wird es. Hier führen Straßen nicht in einen Ort sondern höchstens durch ihn hindurch – nach Hamburg, nach Leipzig, an die Ostsee oder nach Polen. 

Man könnte hier wohl Tage lang durch die Dörfer ziehen und nur selten einem Menschen begegnen. Malerisch und Entspannt ist es durchaus im ehemals preußischen Kernland. Aber statt in die Streusandbüchse zu gehen, zieht es die Jungen eher in die laut pulsierende Metropole oder zum gut bezahlten Job in den Süden. 

[Musikbett – Spaghettiwestern by Bella Musica]

Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken in Paderborn ist für solche Umstände anno 1849 gegründet worden. Monsignore Georg Austen steht dem Spendenhilfswerk vor und kennt sich gut aus in den deutschen Diaspora-Gebieten.

[O-Ton – Msgr. Austen]

Wenn ich ehrlich sein darf, mir fällt auf, dass in unserer heutigen Sprache das kleine Wort „noch“ überwiegt. Wie viele Menschen kommen denn noch zur Kirche? Wie viele Finanzen stehen uns denn noch zur Verfügung? 

Natürlich müssen wir kritisch und realistisch sein und die Veränderungen wahrnehmen. Wir sollten dabei aber auch die deutlichen Aufbrüche und ermutigenden Zeichen, die es auch und gerade in der Diaspora gibt, nicht aus dem Blick verlieren. 

Es gibt hunderte – oft unscheinbare – Beispiele, die mich auch mehr als hoffen lassen und da ist das Kleine in der Diaspora bei den Menschen oftmals groß.“

Aber, wie kommen die Menschen noch zur Sonntagsmesse oder anderen Gemeindeaktivitäten? Sicher, nun kann man argumentieren, dass gerade ein mal 3 Prozent der Brandenburger überhaupt Katholiken sind und das Problem zu vernachlässigen sei. Aber man hat Lösungen gefunden. Eine davon ist eine wahre Erfolgsgeschichte: Der BONI-Bus.

In ganz Deutschland sind es rund 600 Busse. Aber auch hier im Erzbistum Berlin gibt es sie. In der sich von der Ostsee bis in den Spreewald; und von der Prignitz im Westen bis an die Grenze zu Polen im Osten; erstreckenden Diözese gibt es mittlerweile 38 der raps-gelben Bullis. 

Monsignore Georg Austen vom Bonifatiuswerk erklärt: 

[O-Ton] 

Der Boni-Bus ist ein Markenzeichen …

Eines dieser 38 Markenzeichen tut seinen Dienst ‚auf vier Rädern‘ vor den Toren der Filmstadt Babelsberg. Hier wird der Bulli liebevoll „Rentner-Taxe“ genannt. Es gibt einen regelrechten Fahrplan. Jeden Sonntag geht es gegen 8:00 Uhr los. Dann werden die Dörfer mit dem vielseitigen Helfer abgeklappert. Jeden Sonntag legt das auffällige gelbe Vehikel mit dem roten Schriftzug „keiner soll alleine sein“ rund 100 Kilometer auf den brandenburgischen Landstraßen zurück.

Acht Personen passen zusätzlich zum Fahrer in den geräumigen Volkswagen. Doch nicht jede Gemeinde kann sich einen Boni-Bus sponsern lassen. 

[O-Ton ]

⅓ muss die Gemeinde selbst zahlen und der Anteil von Katholiken im Gemeindegebiet muss unter 20 Prozent liegen. 

Es ist  Monsignore Georg Austen wichtig noch zu erwähnen: 

[O-Ton]

Dass die Hilfe die wir geben immer Hilfe zur Selbsthilfe ist . Also, wir sind nicht die Macher hier in Paderborn, sondern wir versuchen immer Impulse zu geben, aber auch die Macher vor Ort zu unterstützen. In enger Zusammenarbeit.

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Was bedeutet ein Boni-Bus nun aber konkret in den Gemeinden? Stephan Förner bringt es auf den Punkt.

[O-Ton – Stephan Förner] 

Das ist im Prinzip angewandte Mission. Ohne so einen Bus ist für viele Kirche nicht mehr erlebbar. Da hilft der Bus zur Verkündigung, zur Teilhabe am Gemeindeleben.

Jeder fünfte Deutsche fühlt sich mittlerweile stark vereinsamt. Man kann also von einem Phänomen sprechen was die Mitte der Gesellschaft erreicht hat. Hinzu kommt in den neuen Bundesländern, dass die Bindung an die Kirche nicht besonders Ausgeprägt ist. In Vorpommern und Brandenburg sind gerade mal 3 Prozent der Gesamtbevölkerung Katholiken, in Sachsen und Sachsen-Anhalt sind es 4 Prozent, Thüringen ist Spitzenreiter mit ganzen 8 % Katholiken. Die Gebiete in Ostdeutschland sind traditionell eher protestantisch geprägt gewesen – Preußen sei dank. Jedoch selbst Protestanten gibt es nicht viele in den fünf neuen Bundesländern: Es sind zwischen 14 Prozent in Sachsen–Anhalt und -24 in Thüringen. Die Stadt Berlin macht auf Grund ihres starken Zuzuges, vor allem aus dem Süden, eine Ausnahme: Die 9 Prozent Katholiken in der Stadt verzeichnen einen statistischen Zuwachs. Anders als die 19 % Protestanten.

Reziprok bedeutet dies, dass zwischen 68 und 81 Prozent der Bevölkerung in der ostdeutschen Diaspora keiner Konfession angehören. Auch das kann Einsamkeit verursachen. Doch das Problem ist ein sich selbstverstärkendes Problem. Strukturschwachheit zieht mehr Strukturschwachheit nach sich. Gingen im Laufe der 1990er Jahre vor allem die jungen Menschen, so ist mittlerweile auch die mittlere Alterskohorte weitestgehend verschwunden. 

[O-Ton – Stephan Förner]

Wir sind nicht immer die Speerspitze der Entwicklung, aber was den demographischen Wandel angeht, sind wir dem Ganzen vermutlich etwas voraus. Stichwort „Überalterung“, Rückgang der Geburten. Das zeigt sich gerade auch, wenn man auf die Taufen kuckt, natürlich auch in unserer Statistik verschärft. Die Plausibilität, dass ein Kind was geboren ist auch getauft wird, stark zurück gegangen ist.

Wenig Einwohner gleich  wenig Landeszuwendungen. Die Kommunen werden mittlerweile weitestgehend sich selbst überlassen. Feuerwehr und Polizei werden zwar garantiert, aber Abwasserentsorgung sowie Stromproduktion werden zunehmend dezentral organisiert. Jugendclubs, Schulen, Kindergärten, Überlandbuslinien, Seniorentreffs – alles was soziales Leben ausmacht wird allmählich abgebaut. 

Das schafft Wut und Frust, vor allem für die weniger Wohlhabenden ist dieser Rückbau ein schwieriger Umstand.

Wie kann unter diesen Bedingungen noch Kirche gelebt werden? Das Christentum versteht sich als eine Religion der Gemeinschaft – der Comunio. Im Kapitel 18 des Matthäus-Evangeliums steht: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“. Doch wie ist das zu bewerkstelligen, wenn dutzende Kilometer zwischeneinander liegen? Statistisch leben auf jedem Quadratkilometer Brandenburgs lediglich zwei Katholiken.

 

[O-Ton – Stephan Förner]

Wir werden versuchen in der Fläche auch Präsent zu bleiben.Aber wir sind natürlich auch von allen anderen Entwicklungen betroffen. Wenn die Menschen wegziehen, dann ist es nur noch für den Eremiten schön, wenn er dort stationiert ist. Wir müssen eher hinterherkommen wohin die Leute auch ziehen – auch dafür kann man Boni-Busse verwenden. 

Diaspora-Katholiken haben sich immer in die größeren Orte hin bewegt. Das ist immer schon so gewesen. Wir werden die Menschen zusammenbringen. 

Auch Monsignore Austen hat kein Allheilmittel, aber er ist zuversichtlich. Was kann man also tun?

[O-Ton – Msgr. Austen]

zunächst einmal Vertrauen und Menschen, die Initiative ergreifen, die Glaubenszeugnis geben, die Nähe ehrfahrbar werden lassen, die der Kirche über die Strukturen hinaus ein Gesicht geben. 

Es braucht Netzwerke im Lebens- und Beziehungsraum, auch über unsere Kirchenmauern hinaus. Und das ist schon für mich auch eine Herausforderung in den sich wandelnden und einer älterwerdenden Gesellschaft

die Notwendigkeiten anzugehen. Wo können wir älterwerdenden Menschen Räume eröffnen, dass sie lebendig in vielfältiger Form unsere Kirche mitgestalten können? 

Im Bonifatiuswerk als Hilfswerk für den Glauben versuchen wir durch die verschiedenen Formen der Unterstützung notwendige Veränderungen, Aufbrüche, aber auch missionarische Initiativen zu unterstützen, die heute für eine Kirche von morgen wegweisend sein können.

Oft sind es die Kirchengemeinden, die Kindergärten und Jugendtreffs, Seniorenheime und Kliniken auch in nahezu menschenleeren Landschaften anbieten. Und auch hier, mitten in den ausgetrockneten Regionen ohne nennenswerte Industrie oder Gewerbebetrieben. Die Kirche ist ein indirekter Grant für soziale Infrastruktur. 

Welch Ironie der Geschichte – war es doch ein wichtiges Anliegen der DDR Funktionäre und Apparatschiks das Leben der Menschen so zu vereinnahmen, dass es keine Religion mehr brauchte. Die Partei und ihr Staat sollten fortan die Religion der Bürger sein. 

Früher kümmerte sich der Staat um alles was die Leute für ihr Leben brauchten, heute müssen die Menschen sich selbst um alles kümmern. So ist es kein Wunder, dass da manch einer nicht schnell genug nachkommt und sich die alten Verhältnisse zurück wünscht. 

Auch im Erzbistum Berlin hat man um das Jahr 2003 herum starke Einschnitte gehabt. Aus Pfarreien wurden Großpfarreien, da sich das Erzbistum in eine schwerwiegenden finanziellen Notlage befand. Aus den damals gemachten Fehlern möchte man heute lernen, wenn aus Großpfarreien noch größere pastorale Räume werden.

[O-Ton – Stephan Förner]

Wir merken immer die Sorge und auch die Angst bei manchen Menschen: „Wenn ihr jetzt so große pastorale Räume gründet, dann zieht ihr Euch aus der Fläche zurück.“ Das ist nicht die Absicht und es ist nicht das Ziel dieses Prozesses. 

Wenn sich große Pfarreien bilden, dann nur wenn die Gemeinden gestärkt werden, wenn sie sich selbst identifizieren und sie ihre Identität vor Ort auch weiter leben. 

Eines der wesentlichen Ziele ist es genau diese Ängste auch ernst zu nehmen, und zu sagen „Wir werden keine Fehler wiederholen, die wir schon mal gemacht haben.“. Und wir werden auf die Sorgen hören, aber natürlich auch auf die Vorschläge der Menschen, die sich wieder neu auf den Weg machen, für sich zu entscheiden was Kirche und was den christlichen Glauben zu leben bedeutet.

Bei noch so viel Veränderung, einer wird die ostdeutsche Diaspora noch lange begleiten: Der rapsgelbe Boni-Bus. Verschwinden wird dieses Instrument der Verkündigung so schnell nicht.

[Musikbett – Einöde]

Die sich lang erstreckenden Straßen, fernab jeder größeren Stadt, sie sind typisch für die märkischen und vorpommerischen Landstriche. Betupft werden sie von kleinen Dörfern, die aus wenigen, von der Zeit gezeichneten grauen Häusern bestehend, für wenige hundert Meter die Straße säumen. Als stünden sie Spalier für die durchrauschenden, nicht anhaltenden Autos. Kein Dorfladen, keine Gaststätte die die Durchreisenden zum Anhalten einladen könnte.

Doch einer wird auch in solchen Orten immer wieder kommen, so er erwünscht ist: Der Raps-gelbe Boni-Bus.

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[Musikbett – El Dorado by ReefRider]

Ein Fazit könnte lauten: 

In der Diaspora ist es zwar etwas umständlicher Glauben zu leben, aber es ist möglich. Sehr gut sogar. In der Diaspora rückt man trotz der großen Entfernungen näher zusammen, packt gemeinsam Probleme an; und das noch auf eine erfrischend pragmatische Art und Weise. Hier, im Osten Deutschlands ziehen sich staatliche und privatwirtschaftliche Infrastruktur zunehmend zurück, dennoch gibt es eine Menge Oasen in der religiösen Wüste. Klöster entstehen neu, ausgetretene Pfade werden verlassen und neue Wege werden gegangen. Die letzten sechzig Jahre waren in diesem Teil der Welt von Entbehrungen, sowie vom Verlust lieb gewordener Dinge geprägt. Doch aus ihnen kamen innovative und bahnbrechende Ideen und Konzepte hervor. 

Die tiefe Diaspora im Osten Deutschlands, sie erlebt Aufschwung ja, sie wandelt die Kirche – und manch frischer Wind bläst hier unnachgiebig den Staub aus dem Gebälk. Auch wenn das Land hier im Sommer dornig, staubig, öd und heiß ist, so fällt der Samen an dieser Stelle nicht auf felsigen Grund. 

Mit der Kirche in der Diaspora im gottlos-wirkenden Ostdeutschland muss und kann man rechnen!

Veröffentlicht am: von Patrick Pehl

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