Vatican News – Radioakademie (2/JUN/2018): Neue Wege gehen

Die Diaspora in Ostdeutschland ist die Region der gesamten Welt, in der die meisten Menschen sagen, dass sie keiner Religion angehören. Patrick Pehl hat sich auf gemacht und ist durch Ostdeutschland gefahren. Er sprach Diakonatshelfer, Mönche, Nonnen, Priester, Fahrer, Gläubige, Laien-Leiter und natürlich auch einfache Gemeindeglieder.

Regie & Produktion: Patrick Pehl
Produktionsassisten: Susanne Lichtenberger

Transkript

[Sound] – Ite, Missa est! Gehe hin in Frieden!

Es gibt eine Sache, die in Ostdeutschland prototypisch erfunden wurde und nun seit gut 50 Jahren päpstlich erlaubt ist. Nämlich die Erfüllung der Sonntagspflicht inclusive Empfang der hlg. Kommunion ohne Priester. Das klingt für römisch-katholische Ohren vielleicht abwegig, aber es ist seit dem es im Bistum Erfurt erfunden wurde, übliche Praxis – die Rede ist vom  Diakonatshelfer, regional auch Gottesdienstbeauftragter genannt. Zunächst für ein Jahr erlaubte der Vatikan es der Berliner Ordinarien-Konferenz, also quasi die Bischofskonferenz der ostdeutschen Bistümer, als Experiment so genannte Diakonatshelfer einzusetzen. Diese Laien sollten nun Wortgottesdienste halten können und sogar die Kommunion austeilen dürfen. Die anwesenden Katholiken haben damit sogar ihre Sonntagspflicht erfüllt. 1967 wurde es für die ganze Welt gestattet. 

Ostdeutschland war also Experimentierfeld für die Welt – und das erfolgreich.

Es waren die Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die diesen Dienst nötig machten. Sie kamen in kleine Dörfer und waren dort stark vereinzelt. Um ihnen zu ermöglichen einen Gottesdienst zu besuchen und die Sakramente zu empfangen, schaffte man den Dienst des Diakonatshelfers – oder regional auch Gottesdienstbeauftragte genannt. 

Hugo Aufderbeck war zunächst in Magdeburg Leiter des Seelsorgeamtes. In dieser Zeit entwickelte er bereits erste Ideen dazu, da er die Nöte der Diaspora – besonders in Strukturarmen Gebieten – sah. Als er am 5. September 1962 in Erfurt zum Bischof geweiht wurde war es ihm nun möglich einen Prozess in Gang zu setzen um seine Ideen aus Magdeburg zu verwirklichen. 

Sicher hat ihn auch der Paderborner Bischof Konrad Martin inspiriert. Er wurde 1875 von den Preußen vertrieben – ein Opfer des Bismarckschen Kulturkampfes. Zu dieser Zeit blieben viele Gemeinden im katholischen Eichsfeld ohne Priester, was Martin dazu bewog die Anweisung an die gläubigen Katholiken zu geben auch ohne einen Geistlichen Gottesdienste zu feiern. Sicher hat Aufderbeck eine ähnliche Problematik in der nun abgeriegelten, kommunistischen DDR gesehen.

Dazu habe ich Diakon Kappe aus Erfurt gefragt wie es zu dem ungewöhnlichen Entschluss kam.

[O-Ton Diakon Thomas Knappe] 

Wie war das damals und wie kam es zu dem doch ungewöhnlichen Entschluss? 

In den späten 60er Jahren hat das Zweite Vatikanische Konzil Einges umgeworfen, welche Rolle hat es im Zusammenhang mit den Diakonatshelfern gespielt?

[O-Ton Diakon Thomas Kappe]

Hat das Vaticanum II eine Rolle gespielt?

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Weitläufige Gemeinden gibt es auch in der Diözese Magdeburg. Auch hier geht man auch neue Wege. Heute ist die Not eine etwas andere als sie es zu Zeiten Bischof Aufderbecks war. Die Gemeinden sind zahlenmäßig klein, flächenmäßig aber groß – und es gibt schlicht keinen Priesternachwuchs. Derzeit verfügt das Bistum über 50 Diözesanpriester, welche durch 13 Ordenspriester unterstützt werden. Lediglich rund 3 Prozent der Einwohner im Gebiet des Bistums sind Katholiken. So wurde von Bischof Feige im Bistum Magdeburg ein nicht unumstrittener Versuch gestartet. 

Er hat Laien eingesetzt um Gemeinden zu leiten – also keinen Pfarrer. Auch das klingt für römisch-katholische Ohren erstmal abwegig – vor allem für deutsche Katholiken; denn es ist einer der offensichtlichsten Unterschiede zu Protestanten: Nicht jeder könne und dürfe einfach so eine Gemeinde leiten und dann auch noch über das Wohl und Wehe der Pfarrei entscheiden. Dafür haben wir schließlich vom Bischof eingesetzte Pfarrer, die auch nicht ohne Weiteres versetzt werden können. 

Dass das doch geht, lässt sich im Kodex des kanonischen Rechts, im Canon 517 § 2 nachlesen, dort heißt es:

[O-Ton] „CIC § 517 2“

Wenn der Diözesanbischof wegen Priestermangels glaubt, eine Gemeinschaft von Personen an der Wahrnehmung der Seelsorgsaufgaben einer Pfarrei beteiligen zu müssen, hat er einen Priester zu bestimmen, der, mit den Vollmachten und Befugnissen eines Pfarrers ausgestattet, die Seelsorge leitet.

Am süd-östlichen Zipfel des Bistums, welcher schon zu Brandenburg gehört, in der Region um Bad Liebenwerda, befindet sich die Pfarre St. Franziskus. Dort haben am 11. Januar 2015 vier Laien die Aufgabe bekommen die Geschicke ihrer Pfarrei zu übernehmen. Unterstützt in seelsorgerischen Fragen werden sie vom Claretiner Pater Alois Andelfinger. Er kümmert sich um die Seelsorgerischen Tätigkeiten. Jedes Wochenende gibt es in einer der fünf Kirchen der Pfarrei eine Messe; und alle zwei Wochen ergänzen Wortgottesdienste den liturgischen Plan. Diese werden von Laien gehalten, die sogar die heilige Kommunion – aufbewahrt hinter den dicken Wänden des Tabernakels – austeilen dürfen. 

[Auto – Spiel] „Ankunft in Schlieben“

Ich bin also nach Schlieben gefahren. Dort wollte ich mir ansehen wie das so in der Praxis läuft, mit den Laien-Leitern. Einer von ihnen ist Thomas Hilbrich. Bei ihm habe ich mich mit Andreas Könitz und Hildegard Noak getroffen. Eigentlich ist Thomas Hilbrich Ortopädie-Schuster. Doch nebenbei ist er eben noch Pfarrgemeinderatsvorsitzender und somit quasi CEO eines weiteren Unternehmens, der Pfarrei. Von ihnen wollte ich wissen wie es sich so lebt mit der zusätzlichen zeitlichen Belastung. Eine Pfarre leitet sich schließlich nicht von allein. Nicht umsonst ist dafür anderswo ein hauptamtlicher Pfarrer nebst Personal da. 

Wie hat man die vier „Zivilisten“ auf die neue Aufgabe vorbereitet, konnten sie sich vorstellen welche Aufgaben sie hier übernehmen?

Dazu Thomas Hilbrich

[O-Ton] „Hilbrich – Wie gut waren Sie vorbereitet?“

[O-Ton] „Hilbrich – Fühlen Sie sich gut unterstützt vom Bistum / der Gemeinde?“

Wie viele Stunden in der Woche  Thomas Hilbrich für die Aufgaben aufwendet weiß er nicht, aber 

[O-Ton] „Hilbrich – Muss die Familie zurück stecken?

Wie sieht es bei Hildegard Noak aus – sie ist schließlich mittlerweile als Angestellte in Altersteilzeit?

[O-Ton] Noak – Wie gut waren Sie vorbereitet?

Anders wahrgenommen von der Gemeinde fühlt sich niemand. Die drei wollen nicht als Patriarchen wahrgenommen werden und sie werden es auch nicht. Sie sind weiterhin Thomas, Hildegard und Andreas.

Für diesen Beitrag wollte ich natürlich auch wissen was die deutsche Bischofskonferenz zu dem Modell sagt, aber trotz mehrmaliger Anfrage lehnte die Bischofskonferenz einen Kommentar zu dem Thema ab.

Der oberste Hirte Magdeburgs – Bischof Feige –  äußerte sich wie folgt: 

„Diaspora ist kein ‚Unglücksfall der Geschichte‘, sie erscheint von Anfang an als der Normalfall des Christentums. Auch kirchlicherseits leben wir in Zeiten tiefgreifenden Wandels. Liebgewordene Traditionen vergehen, manches stirbt aus.“ Es sei darum wichtig sich nicht nur am Vergangen zu orientieren, sondern Ausschau zu halten was sich an Neuem anbahnt.

[Sound]

 

Und was sagen nun die betroffenen? Wie finden sie diesen neuen Weg, der hier in der Diaspora gegangen wird?

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