Vatican News – Radioakademie (1/JUN/2018): Klösterliches Leben in der ostdeutschen Diaspora

Die Diaspora in Ostdeutschland ist die Region der gesamten Welt, in der die meisten Menschen sagen, dass sie keiner Religion angehören. Patrick Pehl hat sich auf gemacht und ist durch Ostdeutschland gefahren. Er sprach Diakonatshelfer, Mönche, Nonnen, Priester, Fahrer, Gläubige, Laien-Leiter und natürlich auch einfache Gemeindeglieder.
Regie & Produktion: Patrick Pehl
Produktionsassisten: Susanne Lichtenberger

Transkript

Liest man etwas über Klöster, so erfährt man häufig, dass Land auf Land ab Ordensleute ihre Klöster aufgeben müssen. Ausgerechnet im gottfernen und meist ganz und gar nicht katholischen Ostdeutschland kehrt sich der Trend jedoch um – hier werden wieder Klöster errichtet. In der einstigen protestantischen Domäne Preußens vollzieht sich eine interessante Entwicklung hin zum Ordensleben. So zum Beispiel im sachsen-anhaltinischen Helfta kurz vor der Luther-Stadt Eisleben. 

Hier wurde ein 1229 gegründetes und im Zuge der Reformation 1542 aufgelöstes Kloster im Jahre 1999 von Zisterzienserinnen wiederbesiedelt. Nach der Wende wurden ab 1991 Vorbereitungen zur Wiederbesiedlung getroffen. Für die Nonnen war einiges hier ganz anders als im vertrauten Baden-Württemberg, so Schwester Clara Maria.

[O-Ton]
Ich komme aus dem nördlichen Baden-Württemberg und in christlich aufgewachsen und musste sehr.

Umlernen die Mentalität zu verstehen das überraschende war dass sie mit vielen Fragen an mich herangetreten sind das hat mich sehr überrascht weil ich zuerst dachte am besten gehe ich in Zivil.

Aber das Ordensgewand Warenzeichen anscheinend dass man Vertrauen haben kann und die Menschen sich geöffnet haben.

Für mich was ist äußerst gewöhnungsbedürftig.

Diese Art der offenen Begegnung war jedoch nicht immer da. Der Beginn war nicht ganz leicht. Zunächst einmal waren die sechs Frauen in ihrem schwarz-weißen Habit ein Fremdkörper im Ort. Eine wichtige Erkenntnis war jedoch, dass so selbstverständliche christliche Begriffe wie „Kapelle“ nun erst einmal übersetzt werden müssen, damit die Eislebener verstehen was hier nun 500 Jahre nach der Reformation wieder geschieht. Denn in der Region leben gerade mal 2 Prozent Katholiken. Die Klosteranlage war von den Behörden der DDR zum Volkseigenen Gut erklärt worden und verfiel im Zuge der Verwendung als Lagerhalle zunehmend. Dem Kunstlehrer Joachim Herrmann ist es zu verdanken, dass die Sprengung der Anlage 1988 verhindert wurde. Trotz aller Unterschiede näherten sich beide Seiten schnell an.

[O-Ton]

Ich erinnere mich ich habe mal Blumen gesucht für die Kapelle in die Bauarbeiter wollten wir helfen und fragen dass er da Maria besuchen sind Eisblumen für die Kapelle ja was ist denn eine Kapelle.

Dann sagte ich: „Wissen sie da versammeln wir uns zum Gebet.“ „Ja aber wieso was machen sie das?“ ich versuchte zu erklären, dass wir jemanden kennen den sie leider nicht kennen und mit dem wir uns immer unterhalten.

Zwei Stunden später hatte ich Blumen für den Raum der für sie so wichtig ist und er hat mir immer wieder Blumen gebracht – das fand ich großartig.

Nicht nur in Helfta, im Bistum Magdeburg, gibt es seit den Neunzigern ein neues Kloster. Auch im Bistum Görlitz, in Sichtweite der polnischen Grenze entsteht zurzeit etwas Neues. Im brandenburgischen Neuzelle ist alles im Zeichen des Klosters. Die barocke Stiftskirche erhebt sich stolz und allgegenwärtig über den kleinen Ort am nördlichen Rand des Braunkohlereviers in der Lausitz. Das Kloster Neuzelle wurde 1268 von Zisterzienser -Brüdern gegründet und war bis ins Jahr 1817 besiedelt. Grund dafür war, dass die Niederlausitz zu Österreich gehörte und somit nicht von der Reformation in Preußen betroffen war. 

Am 2. Semptember 2018 soll das Kloster offiziell neu besiedelt werden. Auch wenn die Klosterbrauerei, die Kloster-Brennerei und auch die Klostergebäude nicht mehr dem Kloster gehören, so wird es von den meisten Neuzellern doch positiv aufgenommen, dass die Mönche jetzt nach 200 Jahren zurück kommen. 

Aber es gibt sie auch, die kritischen Stimmen. Im Stiftsgebäude ist ein Gymnasium mit Internat errichtet worden. In dem Haus, das die Mönche per Dienstvertrag bekommen sollen befindet sich eine Musikschule, die in den 20er Jahren weichen muss. So treffen die neuen Begehrlichkeiten und die seit der Wende gewachsenen Strukturen aufeinander. 

O-Ton

Die können ja gerne herkommen, die Mönche und machen was sie denken was richtig sein soll aber, nach so langer Zeit wo die nicht hier waren wiederzukommen und solche Ansprüche zu stellen – Sie waren so lange weg und plötzlich kommen sie und haben solche Ansprüche! Bis jetzt hat es doch auch ohne funktioniert oder etwa nicht?

Jetzt kommen die und möchten plötzlich die ganze Musikschule für sich beanspruchen, das werden sie doch gar nicht benötigen.

Man fragt sich „unten, im Ort“ warum nach hunderten von Jahren plötzlich wieder Mönche kommen und wozu die vier den vielen Platz denn überhaupt benötigen würden. Im Moment ginge es ja schließlich auch ohne das Gebäude der Musikschule. Hier müssen die Ordensbrüder wohl noch ein bisschen erklären und mit den wenigen Gegnern ins Gespräch kommen.

Aber auch einen wirtschaftlichen Vorteil kann man erwarten, wenn ab dem kommenden Jahr wohl auch im Winter Touristen und Gläubige in den kleinen Ort kommen werden. So hat denn auch der findige Brauer des „Schwarzen Abtes“ im letzten Jahr ein Sonder-Etikett herausgebracht. Von jeder verkauften Flasche wurden 20 Cent an die Klosterstiftung gespendet und auf den aktuellen Etiketten steht der Hinweis, dass das Bier nun auch wieder von „echten Mönchen“ gebraut werde. 

Aber wie kommt man auf die Idee aus dem gut situierten österreichischen Heiligenkreuz in eine unbekannte Gegend mitten in die ostdeutsche Diaspora aufzubrechen um dort, fernab der großen Kathedralen ein Monasterium mit gerade einmal vier Mönchen zu gründen?

O-Ton

Also es war so dass wir in Heiligenkreuz gemerkt haben, dass die Anzahl der Berufungen wirklich auch ein Auftrag ist. Ja das war das was uns auch angeschoben hat ein Gründungsprojekt anzugeben.

Hier in der Diaspora zu sein ist sicherlich etwas anders aber, ich muss sagen dass ich es auch als sehr lebendig empfinde. Die Menschen haben einen stärkeren Zusammenhalt und eine größere Verbindung zum Glauben, als ich das bisher erlebt habe, in einer Gegend in der man halt katholisch ist.

Damit spricht Pater Aloysius das an was auch Sr. Clara Maria in Helfta beobachten kann. In der Diaspora kann eine Chance für das christliche Leben liegen. Die Menschen hier sind sich einfach bewusster worum es geht und sind bewusster Katholiken. Darüber hinaus sind sie sich im Klaren was dies bedeutet, weshalb sie Katholiken sind und nicht etwa Protestanten. Die Gemeinden sind zahlenmäßig klein und somit persönlicher. 

Ich habe mich dabei gefragt: Macht es einen Unterschied, für das klösterliche Leben wenn sich ein Kloster in der Diaspora befindet, noch dazu in einem Teil der Welt, in dem sich so viele Menschen für atheistisch erklären wie sonst nirgendwo auf der Welt? Betet man vielleicht anders?

Schwester Clara Maria hat dazu eine Erkenntnis gewonnen.

O-Ton

Ich habe schon für außerhalb gebetet, aber mehr weltweit, für Krisengebiete oder für die Hungernden in Afrika oder Asien. Aber direkt für die Umgebung nicht so intensiv wie ich das heute mache. Wir haben auch ein Gebetbuch in der Kirche hingelegt. Dort kann man dann seine Bitte eintragen – andere Werfen’s in den Briefkasten.

Ich erlebte das sehr sehr positiv viele schreiben mir auch Schwester Clara Maria, das ist so und so.

Letzte Woche haben wir eine junge Frau hier gehabt, sie hat erlebt wie aus ihrem Institut, über die Mittagszeit, ihre Kollegin vom höchsten Platz in der Stadt runter gesprungen ist und Selbstmord begangen hatte. Sie war so erschüttert und kannte Gott nicht. Das aufzuarbeiten ist eine große Herausforderung. Die „Menschen sagen wie gut, ich dachte immer Klöster sind überholt, aber jetzt muss ich sagen ‚Gut dass es so etwas gibt und wir kommen können und unsere Lasten ablegen‘“.

Das war weiß Gott nicht immer so. Fast 450 Jahre nüchterner preußischer Protestantismus, gefolgt von vierzig Jahren religionsloser DDR haben ihre Spuren hinterlassen. Und so waren die Eislebener zunächst gar nicht so richtig angetan von den neuen Nachbarn in der alten Klosteranlage, das weiß Sr. Clara Maria zu berichten.

O-Ton

Am Anfang waren sie hier sehr reserviert, haben als es bei der Treuhand verhandelt wurde sogar Scientology ins Rennen geschickt, sowie Aldi und solche Konzerne. Es wurde dann auf 1,48 Millionen DM hoch gesteigert und heute sprechen fast alle von ‚unserem Kloster‘ und das finde ich ein Anzeichen, dass sie uns schätzen und auch stolz sind. „Sie müssen doch in unser Kloster gehen hier ist es so eine, Oase des Lebens draus geworden“. Viele kommen und setzen sich auch hin oder gehen raus in die große Teichwiese und für mich ist das eine Freude. Beim hinteren Teil der war alles versandet. Eines Tages sagten die Menschen hier „Oh seit die Schwestern da sind, ist Wasser da und Leben, sogar die Vögel kommen wieder, die Rehe und die Füchse.“ Es hat sich alles so verändert und es freut mich dann auch.

Sie [die Eislebener] erspür und empfinden, dass das ein wichtiger Ort für sie geworden ist.

In Neuzelle ist man noch nicht so weit. Allerdings sind die vier Mönche auch noch nicht mal ein Jahr da. Außerdem gibt es noch keine Klausur oder ein richtiges Klostergebäude. Die vier leben noch in einer Art WG auf wenig Platz im Pfarrhaus zusammen.

O-Ton

Unser Gebet ist ein Gebet der Stellvertretung, also wir beten stellvertretend für die Welt und ich glaube, dass das hier schon ein anderer Dienst der Stellvertretung ist.

Aber unser Gebet ist in erster Linie Anbetung Gottes und das eben auch stellvertretend für die vielen und je weniger ihn anbeten, desto wichtiger ist vielleicht das Gebet in Stellvertretung.

[SOUND]

Vor allem Zisterzienser waren es, die das Land östlich der Elbe ab dem 12 Jahrhundert urbar machten – und erlangten dadurch eine herausragende Stellung. Adelige dehnten durch die Missionierung der überwiegend heidnischen Slawen ihre Reiche aus. 

Hier im Osten wurden durch Zisterzienser musterhafte landwirtschaftliche Betriebe gegründet. Sie kultivierten den Anbau von Obst und Wein, betrieben Pferde- und Fischzucht, weiter waren sie im Bergbau zu Gange. Sie handelten mit Wolle und trugen zur steten Verbreitung der hochmittelalterlichen Kultur bei.

Die Zisterzienser waren also eine starke wirtschaftliche Macht geworden. Mit der Reformation verschwand das römisch-katholische Leben mit einem Mal aus den Landen. Doch die Klostergebäude blieben und wurden meist vom Landadel als Gutshäuser umgenutzt. Was vor Jahrhunderten verschwand kommt nun zurück. Und damals wie heute kommen die Konvente der Zisterzienser in geistlich verwaistes Land. 

O-Ton

Damals hat man Landwirtschaft urbar gemacht, Bevölkerung ernährt, Bergwerke geschaffen, Sümpfe trockengelegt – heute war mein Bild: Wir kommen auch in die Wüste. Ich war erschüttert was diese Jahre mit den Menschen gemacht haben. Ich meine jetzt seelisch und als Person und ich habe angefangen zu verstehen, dass wir gleichsam wieder.urbar machen müssen – im Menschen selber – auch heilen auch von ihren Stasi Erfahrungen.

Oder dass Sie ihre Meinung nicht äußern durften. Da habe ich auch z. B. angefangen zu danken, dass ich in der Demokratie groß wurde. Wie oft wird gesagt „Aber man kann ja doch nichts machen“ und das fand ich in der Formulierung furchtbar. Wenn man innerlich gelähmt ist – ich komme aus der Region der sagt, „man kann immer was machen wenn so nicht, so finde ich einen Weg.“ Dass diese energetischen Kräfte ungeheuer wichtig sind für unser Leben und auch für die Fröhlichkeit ich habe die Menschen oft selbst erlebt und habe dann für mich gedacht, vielleicht kommt es auch durch den Bergbau. Wenn man so tief in der Erde ist oder wenn man keinen Einfluss hat. Als sie mir erzählt haben wie das auf den LPG war oder bei der VEG wenn einfach von oben herab bestimmt wurde was zu tun ist.

Im brandenburgischen Neuzelle war es nicht ganz so drastisch, immerhin war die Lausitz ein streng katholischer Landstrich und die örtliche Pfarrkirche befand sich noch am selben Ort, nämlich in der alten prunkvollen Klosterkirche. Mitten im beschaulichen Ortskern.

O-Ton

Wir wollen niemandem etwas nehmen, sondern vielmehr eben Zeugen des Glaubens sein und das eben in einer Gegend wo der Glaube wirklich in der Minderheit ist.

Es wird sich nun denn zeigen wie sich die Wiederbesiedlung des altehrwürdigen Klosters auf die Umgebung auswirken wird. Spirituellen Tourismus wird es wohl in jedem Fall geben – der Ort ist gut mit der Bahn angebunden und in gerade mal zwei Stunden von der Bundeshauptstadt Berlin aus erreichbar. Auch aus Breslau ist man in unter 3 Stunden am begehrten Ort. Bis zur Enteignung durch den preußischen Staat 1817 war dort der Bischofssitz für die Kirchenprovinz. 

Die Mönche sind jedenfalls nach Neuzelle gekommen um zu bleiben. Auch in Helfta wird die Nonnen wohl so schnell nichts mehr vergraulen können. In jedem Fall sind beide Destinationen eine Reise und ein Verweilen  wert

Und so soll jetzt die letzten Worte in diesem Beitrag Pater Kilian haben, sicher gelten sie auch für die Schwestern im Nachbarbistum, denn vielleicht fühlt sich ja der eine oder die andere berührt:

O-Ton

Ich würde mich freuen wenn der Herr eine Berufung schickt. Wenn sich also jemand über diesen Radiobeitrag angesprochen fühlt, dieses Werk der Aufbauarbeit zu begleiten: Nur Mut! Und einfach mal vorbeikommen, an unsere Tür klopfen.

Link zur Radioakademie:
https://www.vaticannews.va/de/kirche/news/2018-06/radioakademie-im-juni-katholische-kirche-ostdeutschland-pehl.html

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